Die Unterbrechung währt noch ein bisschen. Das nutze ich, um noch einmal auf meine Lektüre einzugehen und einige Zusatzgedanken einfließen zu lassen. Denn anscheinend verfolgen die Autoren von „einfach systemisch!“ ihr Ziel sehr stringent: die Präsentation einer systemtheoretisch grundierten (s. Interviews mit Niklas Luhmann), aber auf die Praxis bezogenen Pädagogik. Mir fallen also reihenweise Aspekte auf, die zwar kurz angeschnitten werden, aber nicht tiefergehend erläutert werden. Das ist für die Lektüre angenehm, weil man als Leser sehr zielgerichtet auf die Praxis ausgerichtet wird. Aber einige beiläufige Einwürfe und Andeutungen sind zu interessant, um sie zu übergehen. So ging es mir etwa mit der anthropologischen Perspektive, die Eva Scala einbringt: „Lernen wäre nicht erforderlich, wenn wir optimal an unsere Umwelt angepasst wären und unsere Instinkte genau regeln würden, was in jedem Fall zu tun sei. Aber der Mensch ist kein Krokodil und kein Pinguin“.[1]
Ich möchte hier ein Konzept der philosophischen Anthropologie kurz in seinen Hauptideen diskutieren, weil es in diesen Kontext (Stichwort „Angepasstheit“, „Instinkt“ und „lernen“) und allgemein in den Horizont der Pädagogik passt: Gehlens anthropologisches Konzept,[2] das genau an diesen Eckpunkten ansetzt und sich schließlich um die zentrale Idee aus Plessners Anthropologie ergänzen lässt.
Gehlen versteht den Menschen in einem doppelt problematischen Verhältnis zu seiner Umwelt: Einerseits betrachtet er den Menschen als „Mägelwesen“, das in seiner natürlichen (im Sinne von Gehlen ursprünglichen, noch nicht von kulturellen Errungenschaften erschlossenen) Umwelt aufgrund seiner natürlichen ‚Ausstattung‘ nicht überlebensfähig ist. Denn im Gegensatz zum Tier ist der Mensch weder mit natürlichen Verteidigungs- oder Versorgungsinstrumenten noch mit ausreichendem Wärmeschutz ausgestattet. Gleichzeitig verfügt der Mensch nicht über eine festgefügte Instinktstruktur wie das Tier, die ihn optimal an seine Umwelt anpassen würde. So konstatiert Gehlen beim Menschen – andererseits – eine „Weltoffenheit“, die gleichzeitig Mangel und Chance bedeutet. Denn erst durch diese „Weltoffenheit“ ist der Mensch nicht an eine bestimmte Umwelt angepasst und damit auf diese fixiert, sondern kann nicht nur seine eigenen Reaktionen, sondern auch seine Umwelt selbst modellieren: Er hat die Fähigkeit, seine Umwelt als Kultur („zweite Natur“ und „Entlastung“) zu gestalten und Handlungsmuster zu erlernen, und dies muss er auch leisten, denn sonst ist er stets bedroht. Damit wird der Mensch als handelndes Wesen beschrieben, das zu sich selbst Stellung beziehen und sein Handeln thematisieren muss.
An dieser Stelle lässt sich der Kerngedanke der Plessnerschen Anthropologie einfügen: Plessner sieht den Menschen in einer „exzentrischen Positionalität“ (außerdem), d.h.: 1.) Der Mensch kann und muss sich zu sich selbst verhalten. 2.) Er ist fähig, sich dessen und seines eigenen Standpunktes bewusst zu werden und dies zu reflektieren.
Diese anthropologischen Grundgedanken (Kultur gestalten, Handlungsmuster erlernen, sich zu sich selbst verhalten, sich seines Standpunktes bewusst werden und Reflexion) sind schließlich auch wichtige Prämissen, um systemisch-konstruktivistische Pädagogik erlernen und anwenden zu können.
Eine leicht verschobene Perspektive nimmt meine These in Peters BUA der letzten Woche („Erweiterte Lernformen“) ein: Lernen als ‚etwas-wissen-wollen’/ ‚Neues-entdecken-können-und-wollen‘ kann als anthropologische Konstante (die Gehlens Theorie anthropologisch fundiert) in Betracht gezogen werden. Geht man von dieser auf der menschlichen ‚Hardware‘ ‚vorinstallierten‘ Fähigkeit – oder diesem Bedürfnis – aus,[3] scheint dies in der FRAGE, der NEUGIERDE und dem INTERESSE in Erscheinung zu treten.
Abschließend noch ein systemisch geprägter Ansatz zur Kritik an Gehlens Anthropologie: Es ist ‚beeindruckend‘, wie defizitorientiert Gehlen argumentiert!
[1] Scala, Eva: Systemisch lernen. In: einfach systemisch! Systemische Grundlagen und Methoden für Ihre pädagogische Arbeit. Hg. von Christa Renoldner, Eva Scala und Reinhold Rabenstein. Münster 2007. Hier S. 60. Bemerkenswert ist im Text vor allem die (unorthodoxe) Verknüpfung von anthropologischen Ideen mit dem systemtheoretischen Gedanken der Umwelt (-en).
[2] Vgl. Gehlen, Arnold: Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt. Wiesbaden 1978. Obwohl Gehlens Konzept durchaus umstritten und sicherlich kritikwürdig ist, sollen hier die Grundthesen kurz dargestellt werden, um eine breitere Wissensbasis für die Lektüre von „einfach systemisch!“ zu schaffen.
[3] Der Begriff „Instinkt“ scheint hier nahe zu liegen, kann aber die gesamte Extension, Bedeutung und Entwicklungsfähigkeit des menschlichen Lernens nicht erschließen.